Die Stille ernährt, der Lärm verbraucht.
Verfasser unbekannt
Von der Stille
Es war Sonntag und sehr still bei uns. Zu still für meinen Geschmack, denn sie war irgendwie ganz ungewohnt. Ich saß da, versuchte mich auf mein Buch zu konzentrieren, und spitzte nebenbei die Ohren, ob nicht irgendein Laut von draußen zu mir durchdrang, doch es blieb still.
Merkwürdig.
Sonst höre ich ich aus der Nachbarschaft mal ein Auto wegfahren oder eine Haustür klappen, oder meine Nachbarin, die sich fröhlich von Gästen verabschiedet. Manchmal ist auch Hundegebell zu vernehmen, alles Zeichen von Leben und der Hinweis darauf, dass alles in Ordnung zu sein scheint, dass mein Mikrokosmos heil ist, weil ich nicht allein auf der Welt bin. Aber alles, was ich wahrnehmen konnte, war der leise Wind, der die Bäume draußen rascheln ließ. Sonst nichts.
Mir war das unheimlich und ich überlegte, Musik einzuschalten, um diese laute, beinahe aufdringliche Stille nicht hören zu müssen.
Doch ganz plötzlich musste ich an meine Großmutter denken, an meine Omi, die schon seit beinahe vierzig Jahren tot ist. Ich dachte an die stillen Nachmittage bei ihr, wenn sie ihr Mittagsschläfchen hielt und nichts weiter zu hören war als das Rauschen der hohen Pappeln vom Schulhof hinter dem Küchenfenster. Ich habe am Tisch gesessen und in meinem Märchenbuch gelesen, ungestört und ganz mit mir. Niemand hätte diese Kostbarkeit der nachmittäglichen Stille zerstört und ich wusste das, ohne dass mir ein Erwachsener das hätte sagen müssen. So konnte ich ganz eintauchen in die zauberhafte Welt der Bilder und Märchen voller Wunder und Magie, bei mir sein in einem für die Außenwelt undurchdringlichen Kokon. Ein hypnotischer Zustand, denn ich war unerreichbar für Ansprache oder störende Außengeräusche. Wie habe ich diese ungestörte Stille genossen! Wie habe ich mich ihr hingeben können, in der instinktiven Gewissheit, dass mir nichts geschehen würde.
Irgendwann natürlich haben die Großeltern ihre Ruhezeit beendet, und die Omi kam leise in die Küche, das graue Haar ein wenig zerdrückt und das Gesicht noch rosig-verschlafen. In schweigendem Einvernehmen mit mir, die kostbare Stille noch ein wenig zu wahren, setzte sie den Wasserkessel auf den Gasherd, um Kaffee zu kochen. Als der Kessel mit seinem schrillen Pfeifen die Stille zerriss, wurde der Kaffee mit dem dem kochenden Wasser aus dem Kessel im Porzellantrichter aufgebrüht. Leise, ganz leise tröpfelte er in die Kanne und erfüllte mit seinem aromatischen Duft bald die Wohnung, für uns das Signal, die Stille aufzuheben für das nachmittägliche Plauderstündchen mit Kaffee und Keksen.
Vielleicht bin ich deshalb eine solche Kaffeetante geworden, weil der Duft von Kaffee mit einer durch und durch positiven Erinnerung aus meiner Kindheit verknüpft ist: der Stille in Sicherheit und Geborgenheit. Welch ein Geschenk! Und welch ein Geschenk, dass mir das erst in der ungewohnten Stille dieses Sonntagnachmittags wieder einfallen konnte.
Ich war mit dieser unverhofften Erinnerung plötzlich ganz glücklich an diesem Sonntagnachmittag. Einer vergessenen Erinnerung, die nur deshalb die Oberfläche meines Bewusstseins durchdringen konnte, weil es so still war.
Stille ist eine Kostbarkeit, in der heutigen Welt noch rarer als sonst schon.
Ich habe begriffen, dass Stille mir keine Angst machen muss, ganz im Gegenteil. Denn in den Minuten, als die Erinnerung aus meiner Kindheit sich unerwartet zeigte, war ich ganz bei mir.
Und konnte fühlen, wie wunderbar es ist, in die eigene Stille einzutauchen.
Die Stille ist unsere Freundin. Wir müssen sie nur häufiger einladen, damit sie weiß, dass sie willkommen ist.