Vom Mensch sein

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Seid Menschen.“

Mit diesen Worten hat Berlins Ehrenbürgerin und Holocaust-Überlebende Dr. h. c. Margot Friedländer Tausende von Menschen berührt und zum Einsatz für Menschlichkeit und Toleranz sowie für Freiheit und Demokratie ermahnt.

Vom Mensch sein

Vor einigen Jahrzehnten wurde die amerikanische Anthropologin Margaret Mead während eines Vortrags gefragt, welchen Gegenstand sie ihrer Meinung nach als erstes Anzeichen unserer Zivilisation werten würde, und sie antwortete nach kurzem Überlegen: „Ein verheilter Knochen.“

Wenn ein Tier, so ihre Argumentation, sich in der Natur etwas breche, dann seien seine Überlebenschancen gleich null. Es dauere mehrere Wochen, bis so eine Fraktur wieder geheilt sei, und in der Zeit könne es sich weder zu einer Wasserquelle bewegen noch jagen. Es würde also verhungern oder verdursten oder anderen Tieren zum Opfer fallen.

Knochenbefunde beweisen, dass ein Mensch viele Jahrtausende vor Christus mit einem Oberschenkelhalsbruch überlebt hatte. Das spricht dafür, dass jemand da gewesen war, der sich um diesen Menschen gekümmert hatte. Ein Mensch, der dem Verletzten zu essen, zu trinken gebracht hatte und bei ihm blieb, damit der Verletzte in Ruhe gesund werden konnte.

Das erste Anzeichen unserer Zivilisation seien demnach keine Waffen oder sonstigen Erfindungen, sondern unsere Fähigkeit, uns nicht mehr nur um uns selbst, sondern um andere zu sorgen.

(von Annabelle Hirsch)

Wir leben in sehr bewegten und besorgniserregenden Zeiten, und wir haben auf die politische Entwicklung relativ wenig Einfluss. Alles, was um uns herum geschieht, macht uns Angst und nachdenklich.

Mehrere Millionen Einzelmenschen können viel bewegen. Dazu müssen sie miteinander sprechen und sich zuhören.
Und ich verweise auf Art 20 Grundgesetz: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, indem es wählen darf, wer die Gesetze macht. D a s können wir also schon tun, richtig wählen, eine Partei wählen, die unserer Demokratie schützt, schätzt und um ihre Aufrechterhaltung weiterhin mit allen Kräften bemüht ist.

Doch was können wir in unserem kleinen Mikrokosmos tun?

Mensch sein.

Ich empfinde diese Zeit als zunehmend aggressiv und respektlos. Menschlichkeit fehlt häufig im täglichen Leben, sei es beim Einkauf, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderswo. Menschlichkeit fehlt in der Politik, die gerade jetzt von Respektlosigkeit und der Gier nach Macht und noch mehr Geld geprägt ist.

Alles, was ich habe, um irgendwie in meinem Mikrokosmos dagegen zu halten, ist das Leben von alten Werten, die auch ich so oft vermisse: Achtung, Respekt, Wertschätzung, persönliche Ansprache und, ja auch Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft, Zuwendung. Und das bedeutet auch, mal ernst gemeint zu fragen: Wie geht es dir? Zuhören, den anderen ernst nehmen. Vielleicht Hilfe anbieten, wo Hilfe erforderlich ist, nicht nur um das eigenen Wohl besorgt sein.

Denn auch ich fühle mich dann besser. Als Mensch eben. Denn Menschsein ist auch Gemeinschaft.

Ich finde, d a s ist wahrer Reichtum, der uns wohltuend unterscheidet von den geld- und machtgeilen Kriegstreibern dieser Welt, die die Bezeichnung „Mensch“ nicht verdienen.